Georg Albert                          Des Dichters Schöpferglück

* vor 1870

Des Dichters freies Los ist hoch zu preisen;

Ihm ist beschieden volles Schaffensglück.

Er schmilzt zu Wachs, zu Tau, Demant und Eisen

Und seine Weisheit ist ein Gauklerstück.

 

Er spinnet Schleier über grelle Sonnen

Und dämpft zu Schatten ihrer Brüste Welt.

Er schöpft sie neu aus unberührten Bronnen,

Von seines Geistes Schöpferglanz erhellt.

 

Wie zischend einst des Himmels Feuerschlangen

Der jungen Sterne glühen Tau geballt,

So flammt sein Herz von bildendem Verlangen,

Bis es von heißen Liedern überwallt,

 

Und seines Wahnsinns Schauer ohne grenzen

Auf reinem Himmel ruhelächelnd glänzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Dem Dichter

* vor 1870

Sei wie ein Baum! Laß wehend Träume rauschen

Und schüttle der Gedanken volles Laub.

Dein Leben sei ein Mehren, Gatten, Tauschen,

Das Licht und Lüfte mischt zu Tau und Staub.

 

So tief als immer senke fassend, tastend

Hinab die Wurzeln zu der Erde Schoß,

Und was du schöpfst, die Adern dir belastend,

Legst du der Himmelssterne bildend bloß.

 

Mit Duft und Blüten schwill dem Lenz entgegen

Und schlummernd reife dir der Früchte Lust.

Laß dich des Jahrs Titanen wechselnd hegen

Und gib den Kuß zurück aus voller Brust,

 

Des Sommers Spiel in kühle Schatten ladend

Und scheidend dich in Gold und Feuer badend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Der Stunde Gold

* vor 1870

Aurora, du, und Hesperos, der schöne,

Ihr stimmet meines Geistes Glockenspiel.

Mit Elfenhänden fassen sich die Töne

Und Reigen wird aus stockendem Gewühl.

 

Willkommen, Lied! Ich lauschte deinem Werden

Und segnete des Gottes Liebesspur.

Du trägst ans Licht der Seele Traumgebärden

Und Mitklang von des Weltalls Partitur.

 

O lockre Reife, schweren Segens Hangen,

Geschlitzter Traube überreicher Saft!

Ein leiser Hauch, und bei des Wipfels Prangen

Läst sich die ernte vom besonnten Schaft.

 

Dies war das Licht, dem Pallas froh erwachte

Und schaumentstiegen Aphrodite lachte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Die hohen Stunden

* vor 1870

Wie Psyche klagt um Amors Rosenschwingen,

Beseufzt mein Herz der hohen Stunden Schlag.

O süßer Kuß! O seliges Umschlingen!

Wenn Geist und Seele feiern ihr Gelag.

 

Von leerem Tagwerk irrend aufgerieben

Sehnt er sich in des Herzens Bett zurück;

Von tiefem Schmachten fühlt sie sich getrieben

Zu stammeln ihm von namenlosem Glück.

 

Dann leuchten heller alle Himmelsfernen

Und Einklang füllt das wunderweite All.

Willkommen, Wolken! weicht ihr doch den Sternen

Und jede Sehnsucht labt ein Widerhall.

 

O seltne Stunden! Mag vom Wonneklingen

Ein Echolaut in diesen Liedern schwingen.

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Traumwandlerin Poesie

* vor 1870

In Lunas Licht, auf schmalem Schwindelpfade,

Zu Häuten Dumpfer, schreitet Poesie.

Aus Silberschalen fließt ein Glanz der Gnade

Und taucht ihr Lid in Schlaf und Prophetie.

 

Allwissenheit befuhr die Schlummerstirne,

Auf ihren Kissen schlief des Schicksals Traum.

Weissagung spann den Wechsel der Gestirne

Und schüttelte die Frucht vom Zukunftsbaum.

 

Sie blätterte im Buch der Zeitenwende

Und las die Zeichen und den schweren Spruch.

Sie spürte der Bestimmung Zauberhände,

Des Glücks Magnet und die Magie vom Fluch.

 

Still, Stille! Rufe nicht des Alltags Namen!

Sie stürzt hinab und blutend haucht sie Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Philosoph und Poet

* vor 1870

„Sie ist der blinde Strahl, der unbespiegelt

An eignem Licht durch engste Maschen dringt,

Der Dinge Stützen und Gerüst entsiegelt

Und offenbarend ihr Skelett entschlingt.“

 

„Ach, Grau in Grau! Gespensterstarre Schatten!

Das ist die Wissenschaft. O Poesie!

Du bist das Licht, darin sich Farben gatten,

Der Sonnenlyra weite Harmonie.

 

Natur: ein wonnig Weib im Strahlenkranze.

Ich frage nicht; ich schmiege sie ans Herz.

Ja, Cato, glätte deiner Brauen Stanze,

Schmilz ein der Dogmenwage dumpfes Erz,

 

Und wirf, beflügelt wild vom Stundengeize,

Dich in Kleopatras beseelte Reize.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Der Dichtung Marmorsaal

* vor 1870

Wenn dich des Alltags Dunst mit Ekel füllte,

Tritt in den Marmorsaal der Dichtung ein.

Der Herzen Welt, die schwärmend-unverhüllte,

Siehst du verklärt in wandellosem Stein.

 

Des Helden Mark, der Anmut Huldgebärde

Verewigt sich in sprechender Gestalt.

Den Liebesmorgen preist ein Sang der Erde,

Der traumhaft wie um Memnons Säule hallt.

 

Und faßt mit Schauern auch die Epigonen

Erhabner Trümmer alte Herrlichkeit:

Nach eh’rnen Rhythmen schreiten die Äonen,

Doch ewig blüht die schöne Möglichkeit:

 

Das Reich der Kunst, das Götter gern betreten,

Wenn heiße Lippen um ein Wunder beten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Das Land der Dichtung

* vor 1870

Das Land der Dichtung sah ich jüngst im Traume:

In Purpur schwamm der Sonne Untergang;

Weissagung lispelte aus jedem Baume

Und rauschte aus der Wellen Murmelsang.

 

Erinnerung lag brütend ausgebreitet

Und wob des Tags belebte Bilder nach:

Den leichten Tanz, vom Flötenlied begleitet,

Der Kränze Wurf im lustberauschten Hag.

 

Die Erde deckte sich mit Tau und Schatten,

Des Himmels ferne Blumen blitzen auf.

Die Stunde kam, wo flüsternd sie sich gatten

Und Eintracht siegelt aller Dinge Lauf.

 

ein Weiher schwieg, und ruhevolle Schwingen

Sah ich erhabnen Flugs nach Osten dringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Blumen im Lebensbuche

* vor 1870

Vom Saume nur des hehren Musenhaines

Pflückt’ ich, o Göttin, schlichte Blüten mir.

Sie welken nicht: so legt’ ich Ungemeines

In meines Lebens dürftig buch als Zier.

 

Sie lassen mich erinnernd Wunder schauen,

Die einst entzückt mein trunknes Herz genoß.

Es weht mich an von jenem Wonnegrauen,

Das heil’ge Schauer in den Busen goß.

 

Mein Auge wird, und so die Lettern, trüber;

Des Blätterns bin ich und des Lesens satt.

In Weiheschatten sehn’ ich mich hinüber

Und frage bang ihr ewiggrünes Blatt.

 

Zerfalle, Buch, und modre mit den andern.

Es bleibt der Kranz und tröstet so da wandern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Abschied

* vor 1870

Verklinge, Lied! Von reiner Brust empfangen,

Gezeugt vom Licht des wandelbaren Tags.

Die Harfe sei zum vollen Kranz gehangen,

Denn leiser pocht dies Herz und müden Schlags.

 

Nun will es Schatten, tiefe Ruh’ und Schweigen,

Beseelt mit seinem Pulse die Natur,

Verschleiert sich und flieht vom Maskenreigen

Wie Frauenreiz, getäuscht vom Liebesschwur.

 

Der Blüte Rosenschnee ward abgestreichelt;

Die blanke Frucht wird dessen, der sie pflückt.

Nun wiegt der volle Wipfel sich, umschmeichelt

vom Mußetraum des Sommers, wahnbeglückt,

 

Erschauernd süß, und liebevoll umfächelt

Aus reinstem Blau, das ohne Wolke lächelt.