* vor 1870
Des Dichters freies Los ist
hoch zu preisen;
Ihm ist beschieden volles
Schaffensglück.
Er schmilzt zu Wachs, zu Tau,
Demant und Eisen
Und seine Weisheit ist ein
Gauklerstück.
Er spinnet Schleier über
grelle Sonnen
Und dämpft zu Schatten ihrer
Brüste Welt.
Er schöpft sie neu aus
unberührten Bronnen,
Von seines Geistes
Schöpferglanz erhellt.
Wie zischend einst des Himmels
Feuerschlangen
Der jungen Sterne glühen Tau
geballt,
So flammt sein Herz von
bildendem Verlangen,
Bis es von heißen Liedern
überwallt,
Und seines Wahnsinns Schauer
ohne grenzen
Auf reinem Himmel ruhelächelnd
glänzen.
* vor 1870
Sei wie ein Baum! Laß wehend
Träume rauschen
Und schüttle der Gedanken
volles Laub.
Dein Leben sei ein Mehren,
Gatten, Tauschen,
Das Licht und Lüfte mischt zu
Tau und Staub.
So tief als immer senke
fassend, tastend
Hinab die Wurzeln zu der Erde
Schoß,
Und was du schöpfst, die Adern
dir belastend,
Legst du der Himmelssterne
bildend bloß.
Mit Duft und Blüten schwill
dem Lenz entgegen
Und schlummernd reife dir der
Früchte Lust.
Laß dich des Jahrs Titanen
wechselnd hegen
Und gib den Kuß zurück aus
voller Brust,
Des Sommers Spiel in kühle
Schatten ladend
Und scheidend dich in Gold und
Feuer badend.
* vor 1870
Aurora, du, und Hesperos, der
schöne,
Ihr stimmet meines Geistes
Glockenspiel.
Mit Elfenhänden fassen sich die
Töne
Und Reigen wird aus stockendem
Gewühl.
Willkommen, Lied! Ich lauschte
deinem Werden
Und segnete des Gottes
Liebesspur.
Du trägst ans Licht der Seele
Traumgebärden
Und Mitklang von des Weltalls
Partitur.
O lockre Reife, schweren
Segens Hangen,
Geschlitzter Traube
überreicher Saft!
Ein leiser Hauch, und bei des
Wipfels Prangen
Läst sich die ernte vom
besonnten Schaft.
Dies war das Licht, dem Pallas
froh erwachte
Und schaumentstiegen Aphrodite
lachte.
* vor 1870
Wie Psyche klagt um Amors
Rosenschwingen,
Beseufzt mein Herz der hohen
Stunden Schlag.
O süßer Kuß! O seliges
Umschlingen!
Wenn Geist und Seele feiern
ihr Gelag.
Von leerem Tagwerk irrend
aufgerieben
Sehnt er sich in des Herzens
Bett zurück;
Von tiefem Schmachten fühlt
sie sich getrieben
Zu stammeln ihm von namenlosem
Glück.
Dann leuchten heller alle
Himmelsfernen
Und Einklang füllt das
wunderweite All.
Willkommen, Wolken! weicht ihr
doch den Sternen
Und jede Sehnsucht labt ein
Widerhall.
O seltne Stunden! Mag vom
Wonneklingen
Ein Echolaut in diesen Liedern
schwingen.
* vor 1870
In Lunas Licht, auf schmalem
Schwindelpfade,
Zu Häuten Dumpfer, schreitet
Poesie.
Aus Silberschalen fließt ein Glanz
der Gnade
Und taucht ihr Lid in Schlaf
und Prophetie.
Allwissenheit befuhr die
Schlummerstirne,
Auf ihren Kissen schlief des
Schicksals Traum.
Weissagung spann den Wechsel
der Gestirne
Und schüttelte die Frucht vom
Zukunftsbaum.
Sie blätterte im Buch der
Zeitenwende
Und las die Zeichen und den
schweren Spruch.
Sie spürte der Bestimmung
Zauberhände,
Des Glücks Magnet und die
Magie vom Fluch.
Still, Stille! Rufe nicht des
Alltags Namen!
Sie stürzt hinab und blutend
haucht sie Amen.
* vor 1870
„Sie ist der blinde Strahl,
der unbespiegelt
An eignem Licht durch engste
Maschen dringt,
Der Dinge Stützen und Gerüst
entsiegelt
Und offenbarend ihr Skelett
entschlingt.“
„Ach, Grau in Grau!
Gespensterstarre Schatten!
Das ist die Wissenschaft. O
Poesie!
Du bist das Licht, darin sich
Farben gatten,
Der Sonnenlyra weite Harmonie.
Natur: ein wonnig Weib im
Strahlenkranze.
Ich frage nicht; ich schmiege
sie ans Herz.
Ja, Cato, glätte deiner Brauen
Stanze,
Schmilz ein der Dogmenwage
dumpfes Erz,
Und wirf, beflügelt wild vom
Stundengeize,
Dich in Kleopatras beseelte
Reize.“
* vor 1870
Wenn dich des Alltags Dunst
mit Ekel füllte,
Tritt in den Marmorsaal der Dichtung
ein.
Der Herzen Welt, die
schwärmend-unverhüllte,
Siehst du verklärt in
wandellosem Stein.
Des Helden Mark, der Anmut
Huldgebärde
Verewigt sich in sprechender
Gestalt.
Den Liebesmorgen preist ein
Sang der Erde,
Der traumhaft wie um Memnons
Säule hallt.
Und faßt mit Schauern auch die
Epigonen
Erhabner Trümmer alte
Herrlichkeit:
Nach eh’rnen Rhythmen
schreiten die Äonen,
Doch ewig blüht die schöne
Möglichkeit:
Das Reich der Kunst, das
Götter gern betreten,
Wenn heiße Lippen um ein
Wunder beten.
* vor 1870
Das Land der Dichtung sah ich
jüngst im Traume:
In Purpur schwamm der Sonne
Untergang;
Weissagung lispelte aus jedem
Baume
Und rauschte aus der Wellen
Murmelsang.
Erinnerung lag brütend
ausgebreitet
Und wob des Tags belebte
Bilder nach:
Den leichten Tanz, vom
Flötenlied begleitet,
Der Kränze Wurf im
lustberauschten Hag.
Die Erde deckte sich mit Tau
und Schatten,
Des Himmels ferne Blumen
blitzen auf.
Die Stunde kam, wo flüsternd
sie sich gatten
Und Eintracht siegelt aller
Dinge Lauf.
ein Weiher schwieg, und
ruhevolle Schwingen
Sah ich erhabnen Flugs nach
Osten dringen.
* vor 1870
Vom Saume nur des hehren
Musenhaines
Pflückt’ ich, o Göttin, schlichte
Blüten mir.
Sie welken nicht: so legt’ ich
Ungemeines
In meines Lebens dürftig buch
als Zier.
Sie lassen mich erinnernd
Wunder schauen,
Die einst entzückt mein
trunknes Herz genoß.
Es weht mich an von jenem
Wonnegrauen,
Das heil’ge Schauer in den
Busen goß.
Mein Auge wird, und so die
Lettern, trüber;
Des Blätterns bin ich und des
Lesens satt.
In Weiheschatten sehn’ ich
mich hinüber
Und frage bang ihr ewiggrünes
Blatt.
Zerfalle, Buch, und modre mit
den andern.
Es bleibt der Kranz und
tröstet so da wandern.
* vor 1870
Verklinge, Lied! Von reiner
Brust empfangen,
Gezeugt vom Licht des
wandelbaren Tags.
Die Harfe sei zum vollen Kranz
gehangen,
Denn leiser pocht dies Herz
und müden Schlags.
Nun will es Schatten, tiefe
Ruh’ und Schweigen,
Beseelt mit seinem Pulse die
Natur,
Verschleiert sich und flieht
vom Maskenreigen
Wie Frauenreiz, getäuscht vom
Liebesschwur.
Der Blüte Rosenschnee ward
abgestreichelt;
Die blanke Frucht wird dessen,
der sie pflückt.
Nun wiegt der volle Wipfel
sich, umschmeichelt
vom Mußetraum des Sommers,
wahnbeglückt,
Erschauernd süß, und liebevoll
umfächelt
Aus reinstem Blau, das ohne
Wolke lächelt.